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Sonderbeilagen

20. November 2017 | 13:51 Uhr

Zum Glück

Ein Leben für die Musik 

Schweriner sammelt Tonträger - New Beat, Industrial & EBM sind seine Leidenschaft 

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Lebt für sein Hobby: Eike hat über 4000 Vinyls und CDs, aneinandergereiht ergäbe dies eine Länge von mehr als einem Kilometer. FOTOS: KLAWITTER
Ich bin ein bisschen verrückt. Das weiß ich auch und stehe dazu. Ich bin ein leidenschaftlicher Plattensammler. Angefangen hat alles, als Vater mir seinen alten Schallplattenspieler schenkte. Und als dann irgendwann Ende der achtziger Jahre im Jugendradio DT64 eine Sondersendung der „Electronics“ zur Szene in Belgien lief, war es um mich geschehen.

Fortan verschrieb ich mich dem Sammeln von Tonträgern aus diesem Land, meist elektronischer Tanzmusik, genannt „New Beat“ – dem Vorläufer von Techno, der wenig später Europa eroberte - oder der sogenannten Electronic Body Music, der etwas härteren und düsteren Variante. Ich weiß, dass es sich dabei um Nieschengenres handelt, die nie für die breitere Masse interessant waren. Doch ich liebe diesen unverwechselbaren Sound. Wenn ich ihn höre, bin ich - ja, glücklich!

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Sammelwut: New Beat-Maxis von MG Records. Unauffällig, aber äußerst begehrt.
„Man muss Musik laut hören, um sie komplett erfassen zu können.“

 Viele der Scheiben sind nur auf Vinyl erschienen. Und da es kaum Menschen gibt, die heute noch die Bands und Projekte kennen, sind die Platten zwar selten, aber meist erschwinglich. Das El Dorado für Sammler!
 
Und das Angebot ist riesig. Im Laufe der Jahre habe ich als erklärter Schnäppchenjäger über 4000 Tonträger erstanden. Aneinandergereiht ergäbe das einen Teppich von einem Kilometer Länge, nur aus Schallplatten und CD’s. Der Wert meiner Sammlung entspricht einem Mittelklassewagen – vorausgesetzt, man findet Gleichgesinnte, die bereit sind diesen Marktpreis zu zahlen.

Mit der Wende tat sich die Möglichkeit auf, nicht nur Titel aus dem Radio auf Kassetten aufzunehmen, sondern die Originale zu erwerben. Ganz neue Möglichkeiten!. Das Begrüßungsgeld ging für Scheiben meiner Lieblingsband Front 242 über den Ladentisch.

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Kurios: Diese CD erschien auf ein Stück Holz geschraubt.
In jeder Stadt, die ich besuchte, führte der erste Weg zum Plattenladen. Doch als Jugendlicher schwimmt man nicht in Geld, und so erlebte ich auch meine Tragödien: Als in Hamburg eben jene Front 242 auftraten, gab es nur an diesem Tag eine Sonderauflage mit eigenem Plattencover und Original-Unterschriften der Musiker. Ich hielt sie in den Händen, hatte jedoch kein Geld mehr. Ich hätte heulen können...

Aber die Erfolgserlebnisse überwogen, von denen ich zehre. So etwa ein unglaublich seltenes Album der belgischen Künstlerin Jade 4U, das nur in Spanien erschienen ist. Ich fand es in einem Second-Hand-Shop auf Mallorca für 2,50 Euro. Zwei Mal! Obwohl sie Hunderte Euro wert ist, schenkte ich eine davon einem Freund aus Russland. Die Anhängerschaft des belgischen New Beat ist eine kleine, aber verschworene Gemeinschaft – wie bei jeder Randgruppe eben. So entstanden Fan- Freundschaften in der ganzen Welt.

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Das Highlight: Die Jade 4UCD erschien nur in Spanien.
„Seit mehr als 12 Jahren habe ich eine eigene Radiosendung im Netz.“

Das Studium finanzierte ich mir zum Teil auch über meine Sammelleidenschaft. Ich bin Moderator der größten Musik- Onlinedatenbank discogs.com. In dieser Funktion bekommt man automatisch einen Überblick über das Angebot und den Marktwert von Tonträgern. Also habe ich seltene Platten als Schnäppchen gekauft und dann versteigert. Das hat dabei geholfen, über die Runden zu kommen.

Ob ich bei all den Platten noch den Überblick über meine Sammlung habe? Nun, als es bei einem Festival in Antwerpen kistenweise New Beat-Vinyls zu kaufen gab, musste ich mich entscheiden. Ich kaufte ein paar Scheiben meiner Lieblings- Plattenfirma. Und prompt brachte ich ausnahmslos Vinyls nach Hause, die ich schon besaß. Dies war der Tag, an dem ich beschloss, die Sammlung online aufzulisten und mir ein Smartphone anzuschaffen.

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Sammlerstücke: Aufwändig gestaltete Erstauflagen mit diversen Beigaben sind echte Raritäten.
Trotz solcher kleinen Dramen bedeutet für mich meine Leidenschaft vor allem eins: Glück. Ich kann die Freude nicht in Worte fassen, die 58. von 63 Maxis in den Händen zu halten, die ein Label herausgebracht hat. Oft stehe ich einfach nur vor den vielen Regalen mit den Tonträgern und freue mich über jede einzelne Platte. Denn jede von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen, löst Emotionen aus. Und dann ist da noch mein Heiligtum: der Giftschrank, wie ich das Glasregal mit seinen Raritäten nenne. Hier sind die Sondereditionen, Sammlerstücke und Tonträger mit ungeheurem Wert aufgereiht.

Eine CD, die nie in den Handel gekommen ist, und von der es nur 30 Stück weltweit gibt. Eine Erstauflage, die noch am Tag des Erscheinens wegen eines Fehlers in der Aufnahme wieder eingezogen und vernichtet wurde. CDs auf Baumstümpfen befestigt und zwischen Singles geschraubt. Platten, deren Cover nach Honig riechen und Editionen mit Echtgold im transparenten Vinyl.

„Den teuersten Tonträgern sieht man fast nie ihren Wert an.“

Ich bin verrückt, aber diese Passion macht mich glücklich. Der Reiz meines Hobbys ist die Jagd, nicht der Besitz. Die ewige Suche nach günstigen Scheiben, die mir noch fehlen. Und das sind noch viele, mehr als ich derzeit besitze.

Die Sonderauflage der Front 242-Scheibe, die mir damals in Hamburg entging, habe ich mittlerweile erstanden. Kleiner Wermutstropfen dabei: ohne Autogramme. Das trübt natürlich mein Sammelglück - aber nur ein wenig. Die Jagd geht weiter!

Eike Moldenhauer
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